Der medizinische Blutegel - ein kleines Tier mit großer Wirkung!
Die Behandlung mit Blutegeln ist eine jahrtausende alte Heilmethode, ihre Anfänge liegen vermutlich in der Zeit um 1500 vor Christus. In Deutschland wurde diese Therapieart aber erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts bekannt. Ihren Höhepunkt hatte die Blutegeltherapie in der Mitte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit wurden jährlich mehr als 100 Mio. Blutegel verbraucht. Üblicherweise wurden damals bis zu 100 Egel pro Sitzung angesetzt, heute sind es meist vier bis acht.
Ein jahrtausende altes Heilverfahren
Die Blutegeltherapie erfreut sich als so genanntes Ausleitungsverfahren sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tierheilkunde in den letzten 30 Jahren immer größerer Beliebtheit. Der Erfolg dieser Therapie resultiert sowohl aus Aderlass, als auch aus der Wirkung des Sekrets, das vom Blutegel während des Saugens in die Wunde abgegeben wird.
Wirksames Sensibelchen.
Der Blutegel (Hirudo medicinalis oder Hirudo officinalis) gehört zur Gattung der Ringelwürmer und ist somit ein Verwandter unseres Regenwurmes. Zum Überleben braucht er eine feuchte Umgebung, da er sonst austrocknet und stirbt. Im Wasser bewegt sich der Egel ähnlich wie ein Delfin, an Land benutzt er seine Saugnäpfe zur Fortbewegung. “Potentielle Opfer” bemerkt er durch die entsprechenden Bewegungen des Wassers. Er hat dafür ausgesprochen sensible Sinneszellen. Blutegel leben meist in flachen Teichen, Tümpeln oder langsam fließenden Gewässern. Sie können nur in sauberem, kalkarmem Süßwasser überleben. Durch die Verschmutzung unserer Umwelt und die exzessive Nutzung im vorletzten Jahrhundert waren die Blutegel fast ausgestorben und wurden unter Naturschutz gestellt.
Unter optimalen Bedingungen können Egel bis zu 27 Jahre alt werden. Sie erreichen ein Körperlänge von bis zu 25 cm und ein Gewicht von ca. 35 g.
Der Egel besitzt an beiden Körperenden je einen Saugnapf. Der hintere Saugnapf dient nur zum Festhalten, der vordere beinhaltet die Mundhöhle. Der Beissapparat besteht aus drei Kieferleisten, die jeweils mit ca. 80 Kalkzähnchen besetzt sind. Blutegel ernähren sich ausschließlich von Blut. Zu therapeutischen Zwecken können Egel erst im Alter von ca. vier Jahren eingesetzt werden.
Hat der Blutegel ein potentielles Opfer gefunden, setzt er sich auf der Haut fest und sucht eine geeignete Stelle. Hat das Wirtstier ein sehr dichtes Fell, kann es einige Zeit dauern, bis der Egel beißt.
Schon während des Bisses wird die “Saliva”, der Blutegelspeichel in die Wunde abgegeben. Durch die Sägebewegungen der Zähne wird das Sekret sehr effektiv in immer tiefere Hautschichten eingebracht.
Die einzelnen Substanzen des Blutegelspeichels sind bis heute noch nicht vollkommen erforscht. Bislang wurden acht Stoffe (Hirudin, Calin, Hyaloronidase, Egline A, B und C, Bdelline, Apyrase, Kollagenase, Prostaglandine) genauer erforscht, vermutet werden aber sehr viel mehr verschiedene Wirksubstanzen.
Der bekannteste und am besten erforschte Wirkstoff ist das Hirudin. Es wird in der Pharma-Industrie inzwischen gentechnisch hergestellt, ist in seiner Wirkung aber dem Wirkstoff-Cocktail des Blutegelspeichels weit unterlegen.
Blutegel in der Praxis:
Mit Hilfe eines Schröpf- oder Schnapsglases können die Egel auf die Haut gesetzt werden. Natürlich können sie auch mit den Händen (sinnvollerweise mit Handschuhen geschützt) angesetzt werden, und sich selbst eine geeignete Bissstelle suchen. Blutegel beißen am besten morgens, große Hitze oder Kälte, Gewitter und Unruhe mögen sie nicht besonders.
Hat sich der Egel einmal festgebissen ist Geduld gefragt. Es dauert zwischen 20 und 120 Minuten, bis der Egel satt ist und von selbst abfällt.
Durch die herabgesetzte Blutgerinnung blutet die Bissstelle noch einige Zeit nach, beim Menschen bis zu 36 Stunden, beim Tier meist weniger. Bei der Nachblutung wird ungefähr die gleiche Menge Blut (ca. 25-40 ml) verloren wie beim Saugvorgang.
In Deutschland dürfen Egel laut Arzneimittelgesetz nur einmal angesetzt werden.
Blutegel werden in der Tiermedizin bei folgenden Indikationen eingesetzt:
- Arthrose, Arthritis,
- Hüftgelenksdysplasie (HD), Bandscheibenvorfall, Cauda equina
- Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises
- Prellungen, Quetschungen
- Sehnen- und Bänderverletzungen
- zur OP-Nachsorge
- Frakturen zur Abschwellung und Schmerzlinderung
- akuten und chronischen Entzündungen
- Tendinitis, Tendovaginitis
- Gelenkgallen
- Hufrehe, Hufrollenerkrankungen, Phlegmonen, Spat
Und wann sollten Egel besser nicht beißen? Immer dann, wenn ein Blutverlust dem Patienten schaden könnte; zum Beispiel bei Blutgerinnungsstörungen, schweren Anämien und bei Patienten, die mit Blutgerinnungshemmern vorbehandelt sind.
Auch die Blutegeltherapie bietet keine Heilungsgarantie. Wie bei allen anderen Methoden gibt es Fälle, bei denen keine Besserung eintritt. Einen Versuch wert ist diese Therapie aber immer!
